Was geschieht in einer F. M. Alexander-Technik Stunde?

Traditionell wird die Alexander-Technik in Einzelunterricht in Lektionen von 30 - 50 Minuten vermittelt. Da jeder Mensch den Unterricht mit anderen Voraussetzungen beginnt, kann anfänglich nicht genau festgelegt werden, wie viele Lektionen tatsächlich notwendig sind. Erfahrungsgemäß bedarf es jedoch ca. dreißig Lektionen, bis bei einem Schüler ein Erfahrungswissen aufgebaut ist, das ihn befähigt, unabhängig vom Lehrer die Prinzipien der Alexander-Technik in seinen Alltag zu integrieren.

Anhand der Situation in einer fiktiven ersten Stunde sollen im Folgenden die wichtigsten Prinzipien und Vorgehensweisen des Alexander-Technik Unterrichts illustriert werden. (Natürlich haben einzelne LehrerInnen jeweils ihre eigenen pädagogischen Vorgehensweisen, die an die Gegebenheiten der Schüler jeweils angepaßt sind – obwohl sich Reihenfolge und Wortlaut vom nachfolgenden Modell unterscheiden mögen, wird es aber dennoch um die gleichen Prinzipien gehen.)

Ablauf einer fiktiven Stunde

Nehmen wir an, laut vereinbartem Termin wird heute Herr K. zum ersten Mal zu einer Einzelstunde kommen. Herr K. verbringt im Berufsalltag viel Zeit vor dem Computer. Um mit seinen zunehmenden Rücken- und Schulterproblemen zurecht zu kommen, hat Herr K. schon einige Methoden, allerdings ohne bleibenden Erfolg, ausprobiert. Aufgrund einer Informationsveranstaltung hat sich Herr K. zu einer Alexander-Einzelstunde entschlossen.

Herr K. trägt für die Stunde bequeme Alltagskleidung. Zunächst erfolgt ein klärendes Gespräch, in dem die Lehrerin sich nach akuten Beschwerden und Eingriffen erkundigt, wie z.B. Bandscheibenvorfall, vor kurzem erfolgten Operationen, oder sonstigen Schmerzzuständen. Herr K. geht noch einmal auf seine Schulter- und Nackenprobleme ein. Die Lehrerin erklärt, daß die Alexander-Technik zwar ein sehr wirksames Mittel zur Selbsthilfe darstellt, jedoch kein Allheilmittel ist.

Mittlerweile sitzt Herr K. wie gewohnt auf dem Stuhl. Die Lehrerin lädt ihn ein, aufzustehen und sich wieder hinzusetzen und fragt ihn anschließend nach seinen Beobachtungen bei diesen Bewegungsabläufen.

Herr K antwortet: „Ich bin es gewohnt so aufzustehen,und es ist mir nichts Besonderes aufgefallen.“

Die Lehrerin: „ Was ist Ihnen denn vom Informationsabend speziell im Gedächtnis geblieben?“

Herr K : “ Ach ja, da gab es doch die Anweisung : ich lasse den Hals los.“

Die Lehrerin : „Ja, genau, ein Grundprinzip der Alexander-Technik ist, daß sich durch ein Loslassen der Muskulatur des Halses der Kopf nach vorne und oben bewegen und sich der ganze Organismus längen, weiten und ausdehnen kann. Haben Sie Lust, diesen Bewegungsablauf einmal auf ganz andere Weise zu erleben ?“

Herr K stimmt zu und fragt was er tun muß.

Die Lehrerin: „ Überlegen wir uns zuerst einmal, was zum Aufstehen erforderlich ist. Sie brauchen weder die Arme noch die Schultern dazu, und Sie brauchen auch den Kopf nicht zurückzuziehen. Erlauben Sie mir, dies mit meinen Händen während dieses Bewegungsablaufes deutlicher zu machen.“

Alexander LehrerInnen sind darin ausgebildet, feinste Veränderungen im Organismus des Schülers wahrzunehmen. Die Hände der LehrerInnen weisen darauf hin, wo überflüssige Spannung losgelassen und der Organismus so koordiniert werden kann, daß er als Ganzes besser funktioniert.

Die Hände leiten sanft und drängen den Schüler nie weiter, als er gehen möchte. Sie weisen darauf hin, wo überflüssige Spannung losgelassen und der Körper so koordiniert werden kann, daß er als Ganzes besser funktioniert.

Während die Lehrerin ihre Hände an Nacken und Stirn des Herrn K. legt, lädt sie verbal ein:

Die Lehrerin : „Geben Sie Sich nun die folgenden Anweisungen: Ich lasse den Hals los, damit der Kopf nach vorne und oben gehen kann und der Rücken und der Rest des Körpers sich längen, weiten und ausdehnen können. “

Sie bittet ihn, nicht sofort dem Bewegungsimpuls nachzugeben. Anschließend begleitet sie ihn beim Aufstehen und fragt nach seinen Wahrnehmungen, worauf

Herr K. antwortet : „Es war ungewohnt aber irgendwie leichter als vorher.“

Die Lehrerin: „Können Sie diese Beobachtung näher erläutern? – meinen Sie...?“

Herr K.: „Ja, ich habe das Gefühl, daß sich meine Beine weniger angespannt haben.“

Die Lehrerin: „Genau das ist passiert. Wenn Sie ein klareres Bild davon haben, was für das Aufstehen erforderlich ist, dann ist es möglich, den Aufwand zu reduzieren, um zum gleichen Ziel zu gelangen.“

Herr K.: „Wie wende ich das für mich im Alltag an? Muß ich ab jetzt immer an all dies denken?“

Die Lehrerin: „Ja, das scheint viel für den Anfang. Aber wenn Sie sich vornehmen, zum Beispiel jedesmal beim Hinsetzen und Aufstehen daran zu denken, dann gibt es eine gute Chance zu beobachten, ob Sie Ihren Hals aus Gewohnheit unnötig anspannen. Auf diese Weise bekommen Sie die Möglichkeit bewußt zu wählen, ob Sie dies wollen oder nicht. Dies ist ein Beispiel für „Denken in Aktivität“, das sich später leicht auf jede beliebige Tätigkeit im Alltag übertragen läßt. Wir nehmen dieses Beispiel, weil wir uns im Laufe eines Tages oft hinsetzen und wieder aufstehen, eine Aktivität, mit der wir gut vertraut sind.“

Herr K.: „Aber in komplizierten Situationen kann ich doch nicht an meinen Hals und all die anderen Körperteile denken.“

Lehrerin: „Vielleicht erinnern Sie sich an Ihre erste Fahrstunde, in der es fast unmöglich war, alle erforderlichen Vorgänge zu koordinieren. Und doch haben Sie gesehen, daß es mittels der Hilfe eines Lehrers innerhalb kurzer Zeit möglich war.“

Herr K.: „Das ist alles sehr interessant, aber was kann ich speziell tun, um meine Verspannungen zwischen den Schulterblättern in den Griff zu bekommen?“

Lehrerin: „Solche Verspannungsmuster, wie z.B. Ihre Schulterprobleme sind Symptome einer allgemeinen Tendenz, den Körper unnötig zu verkürzen. Durch Konzentrieren auf eine spezielle Region würden wir das Gesamtmuster des Umgangs mit uns selbst aus dem Auge verlieren. Dies ist genau der Punkt, an dem die F.M.Alexander-Technik ansetzt.“

Herr K.: „So habe ich mir das noch nie überlegt. Ich bin schon neugierig, was weiter passieren wird.“

Im weiteren Verlauf der Stunde wird an diesen und ähnlichen alltäglichen Bewegungen gearbeitet. Obgleich viele Menschen bestimmte Arten ungünstigen Körpergebrauchs gemeinsam haben, erfordert jeder einzelne Schüler und jeder einzelne Schülerin eine individuelle Vorgehensweise. Die Bewegungsarbeit ist sehr praxisbezogen und hilft, die Alexander-Prinzipien ins Alltagsleben zu integrieren. Darüber hinaus werden spezifische Bewegungsabläufe untersucht, wie Schreiben, Bildschirmtätigkeit oder Musizieren. Dabei liegt die Verantwortung dies auch wirklich in den Alltag umzusetzen beim Schüler, d.h. F.M.Alexander-Technik ist Hilfe zur Selbsthilfe. Lesen von Texten und Büchern kann zu einem besseren Verständnis beitragen - letztendlich erschließt sich der neue Umgang mit sich selbst jedoch nur durch die eigene Erfahrung während einiger Stunden Alexander-Unterrichts. 

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